Kommentar Gymnasium Saar 05/2009, Klaus Lessel, Vorsitzender
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Stiche in den Rücken tun weh, besonders wenn sie von jemandem kommen, von dem man es nie erwartet hätte. Dass die CDU eine Verfassungsänderung anstreben würde, die sehr wahrscheinlich die Zerschlagung des grundständigen Gymnasiums (zumindest eine erhebliche Absenkung des gymnasialen Niveaus) bedeutet, hätte niemand vor der Landtagswahl für möglich gehalten. Die Aussagen der CDU vor der Wahl waren in dieser Hinsicht eindeutig. Ohne die Stimmen der CDU ist im Saarland eine Verfassungsänderung nicht möglich. Doch das ist jetzt anders. Um die Jamaika-Konstellation zu installieren, hat die CDU alle Prinzipien ihrer Bildungspolitik über Bord geworfen und sogar das Bildungsministerium ohne Not aus der Hand gegeben. Scheinbar ist das Interesse an der künftigen Bildungspolitik im Saarland bei dieser Partei nur noch sehr gering. Da helfen auch keine Beteuerungen, der Bestand des Gymnasiums werde auch nach der Verfassungsänderung garantiert. Wer je nach Bedarf nach einer Landtagswahl die Verfassung ändert, hat keine Probleme, nach der nächsten Wahl auch die letzte Garantie für das Gymnasium zu streichen.
Was will man dem Gymnasium eigentlich noch alles zumuten? Nachdem G8 überhastet eingeführt wurde und die Probleme jetzt langsam Stück für Stück überwunden werden, nachdem die neue Gymnasiale Oberstufe (GOS) eingerichtet wurde und erste Erfahrungen damit gemacht werden, plant die neue Landesregierung einen noch nie dagewesenen Einschnitt in die bestehende Schulstruktur. Wegen der Illusion (die leider immer eine Illusion bleiben wird), dass „längeres gemeinsames Lernen“ sozial gerechter und der Entwicklung aller Kinder förderlicher sei, werden dem Gymnasium die „Füße“ abgeschlagen, indem man die Klasse 5 an den Grundschulen etabliert. Das neue G7 wird kreiert, dem Gymnasium nach G8 wiederum ein Jahr weggenommen. Ohne die Klassenstufe 5 aber kann das Gymnasium sein bisheriges Niveau nicht halten. Im weiteren Verlauf wird es wohl G3 oder G2 als reine Oberstufengymnasien geben. (Die Forderung besteht auf Seiten der Grünen schon lange.) Und dann ist das grundständige Gymnasium, die bisher erfolgreichste Schulform in der BRD (auch in PISA-Tests), zerschlagen. Die einzigen Gewinner werden die Privatschulen sein, wie es sich in allen Ländern, in denen derartige Schulstrukturen installiert wurden, gezeigt hat.
In den letzten 40 Jahren gab es an den Gymnasien nur Reformen und Reformen der Reformen. Den Schulen wurde von der Politik nie die Möglichkeit gegeben, die Auswirkungen der Reformen in Ruhe zu evaluieren und Fehlentwicklungen konsequent zu beseitigen. Jetzt wird eine Schulstruktur geschaffen, die noch größere Unruhe und Unsicherheiten bei den Eltern und den Kolleginnen und Kollegen erzeugt, als sie bisher schon herrschen. Zum Beispiel ist bis jetzt nicht geklärt, welche Probleme ein Umzug von Familien mit Kindern aus dem Saarland in ein anderes Bundesland aufwirft, weil es in keinem anderen Bundesland eine derartige Schulstruktur gibt.
Die rigorose Einführung dieser Schulstruktur ohne vorherige Schulversuche experimentiert mit den Schüler/innen. Sie wird Chaos in der Organisation der Gymnasien erzeugen, wenn Kolleginnen und Kollegen an den Grundschulen in den schriftlichen Fächern unterrichten müssen. Sie wird die unterschiedlichen Profile der Gymnasien verändern bzw. unmöglich machen. Sie wird Probleme bei den Fremdsprachen aufwerfen. Es wird wieder neue Lehrpläne geben, bevor die überarbeiteten Überarbeitungen der jüngsten Lehrpläne gedruckt sind.
Aus den Reihen der Jamaika-Koalition heißt es, dass es keine Veränderung gegen den Willen der Schulen und der Eltern geben werde. Wer kann solchen Versprechungen noch vertrauen?
Verraten und verkauft – aber zu welchem Preis? Wer ihn bezahlen wird, wissen wir jetzt schon: Schülerinnen und Schüler und Kolleginnen und Kollegen – nicht aber unsere Politiker!
Wir können nur hoffen, dass den verantwortlichen Politikern letztlich doch noch die Einsicht kommt, dass dieser Preis einfach zu hoch ist.
Ihr Klaus Lessel





