Der Saarländische Philologenverband sorgt dafür, dass Sie auf dem Laufenden bleiben.
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Was bedeutet „G 8“?

G 8 ist eine Kurzbezeichnung für den achtjährigen Bildungsgang am Gymnasium, der in Klassenstufe 5 beginnt und die Schüler bis zur Klassenstufe 12 zur Allgemeinen Hochschulreife führt. Viele andere Bildungsgänge, die zum Abitur führen, sind auf neun Jahre angelegt, so z.B. an den auslaufenden Gesamt- und Realschulen (später: Gemeinschaftsschulen) oder im beruflichen Bildungswesen.

 

Was bedeutet „Doppeljahrgang“?

Bei der Einführung des achtjährigen Bildungsgangs haben in einem Jahr Schüler aus den beiden Bildungsgängen einmalig gemeinsam die Hauptphase der Oberstufe (Klassenstufen 11 und 12 bzw. 12 und 13) durchlaufen. So haben zwei Jahrgänge gleichzeitig die Abiturprüfungen abgelegt. Im Saarland gab es den Doppeljahrgang in den Schuljahren 2006/07 und 2007/08.

 

Wie viele Schüler werden im achtjährigen Bildungsgang unterrichtet?

Ungefähr Zweidrittel der rund 3500 Abiturienten pro Jahr im Saarland haben den achtjährigen Bildungsgang am Gymnasium absolviert. Seit der Einführung des achtjährigen Bildungsgangs haben (inkl. des Jahrgangs 2015) knapp 20.000 Schüler an Gymnasien die Abiturprüfung in diesem Bildungsgang abgelegt.

 

Gibt es Unterschiede in den Abiturnoten zwischen dem achtjährigen und dem neunjährigen Bildungsgang?

Nein. Im Doppeljahrgang wurden die Noten der Schüler in Kursarbeiten und in den Abiturprüfungen durch das Bildungsministerium erfasst und verglichen. Nach Aussage des Ministeriums konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Jahrgängen festgestellt werden.
Im Bundesvergleich unterscheiden sich die durchschnittlichen Abiturnoten zwischen den Ländern um weniger als eine halbe Notenstufe. Dabei ist der Einfluss der unterschiedlichen Bildungsgänge nicht nachzuweisen; es gibt Länder mit achtjährigem Bildungsgang sowohl mit relativ guten als auch mit relativ schlechten Durchschnittsnoten.

 

Gibt es Unterschiede in den Schülerleistungen zwischen dem achtjährigen und dem neunjährigen Bildungsgang?

Seit der Einführung des achtjährigen Bildungsgangs wurden praktisch alle Prüfungsformate und Prüfungsinhalte im gymnasialen Bildungsgang reformiert. Damit ist ein Vergleich zu den früheren Gymnasiasten nicht mehr möglich.
Es liegt mittlerweile eine Reihe von Studien über die Leistungsfähigkeit von Schülern im achtjährigen Bildungsgang vor. Diese zeigen einhellig allenfalls einen geringen Einfluss der Verkürzung des Bildungsgangs auf die Schülerleistungen.

 

Sind die Schüler in G 8 reif genug für den Lernstoff?

Unklar. Erfahrene Lehrkräfte berichten von Verständnisproblemen und Veränderungen in der Arbeitshaltung der heutigen Schüler gegenüber denen der 1990er Jahre. Andererseits gab es beispielsweise früh einsetzende zweite Fremdsprachen oder Geschichtsunterricht ab Klassenstufe 6 schon vor der Einführung des achtjährigen Bildungsgangs. In den meisten ostdeutschen Gymnasien wurde der achtjährige Bildungsgang immer schon praktiziert.
Unter den heute fast doppelt so vielen Abiturienten wie früher herrscht bei einigen große Unsicherheit darüber, was sie nach dem Abitur anstreben sollen.

 

Steht Schülern im achtjährigen Bildungsgang in der Mittelstufe genügend Zeit für das schulische Lernen zur Verfügung?

(Aus Sicht der Lehrkräfte) Nein. In dieser Phase des Erwachsenwerdens interessieren sich Jugendliche in Europa häufig für andere Lebensbereiche. Auch unter den Funktionen des Lebensraums Schule gewinnen andere als die des Lernens stark an Bedeutung.

 

Kostet G 9 mehr als der achtjährige Bildungsgang?

Ja. Durch den zusätzlichen Jahrgang in der Schule steigen die Sach- und Verwaltungskosten. Die Personalkosten steigen insofern weniger, als die Gesamtzahl der Unterrichtsstunden per se nicht größer wird. Allerdings hat die Umstellung vom früheren neunjährigen Bildungsgang zum achtjährigen zu Personaleinsparungen geführt, die bei einer Einführung von G 9 wieder aufgehoben werden.

 

Bedeutet G 9 ein Jahr mehr Unterricht?

Nein. Schüler erhalten in Deutschland 265 Jahres-Wochenstunden Unterricht von Klassenstufe 5 bis zum Abitur – egal ob in acht oder in neun Jahren. Dieser Wert ist von der Kultusministerkonferenz festgelegt.

 

Bedeutet G 9 mehr Zeit zum Lernen?

Unter Umständen ja. Besonders sozial bessergestellte, leistungsstarke Schüler mit engagierten Eltern werden ein Jahr mehr Schulzeit für mehr Übung und eventuell auch für ihrer Entwicklung förderliche außerunterrichtliche Aktivitäten nutzen können. Inwiefern das Interesse von Schülern sich durch ein zusätzliches Schuljahr insgesamt mehr an schulischem Lernen orientiert, ist unklar.

 

Bedeutet G 9 mehr Zeit außerhalb der Schule?

Nein. Seit geraumer Zeit werden den Schulen über den Unterricht hinaus immer mehr zusätzliche Aufgaben auferlegt; dazu zählt unter anderem die Betreuung der Schüler bis in den Nachmittag. In der Unter- und Mittelstufe der weiterführenden Schulen halten alle Schulstandorte freiwillige oder verpflichtende Angebote am Nachmittag bereit. Mit Ausnahme derjenigen Schüler, deren Eltern eine eigenständige Betreuung nach Unterrichtsende leisten (können), verändert sich die Verweildauer in der Schule daher nicht.

 

Hat die Dauer des gymnasialen Bildungsgangs Auswirkungen auf die Gesundheit der Schüler?

Wahrscheinlich nicht. Seit den 1970er Jahren steigt die gefühlte psychische Belastung bei Schülern und Auszubildenden ständig an. Dieser Trend hat sich seit der Einführung des achtjährigen Bildungsgangs fortgesetzt. Auch Schüler in neunjährigen Bildungsgängen fühlen sich stärker belastet als frühere Jahrgänge. Ebenso nehmen die Klagen von Jugendlichen über Stress und Zeitmangel kontinuierlich zu. Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung, die diesen Anstieg eindeutig und hauptsächlich auf die Verkürzung der Schulzeit zurückführen kann.

 

Führt der kürzere gymnasiale Bildungsgang zu mehr Nachhilfe?

Eher nicht. Die gestiegene Nachfrage nach Nachhilfe hat mit dem Wegfall der verbindlichen Schullaufbahnempfehlung, mit der offensiveren Vermarktung der Nachhilfeangebote, mit der Ablösung privater (und daher schwer erfassbarer) Nachhilfe durch kommerzielle Institute, mit der gestiegenen Bedeutung von Notendurchschnitten, mit manchen modernen Unterrichts- und Lernmethoden in der Schule, mit veränderten Erwartungshaltungen der Eltern und vielen anderen Faktoren zu tun. Heute wird auch in nicht-gymnasialen Bildungsgängen mehr Nachhilfe nachgefragt, ebenso wie verstärkt Nachhilfe genutzt wird, um bereits befriedigende oder gute Noten weiter zu verbessern.

 

Wie sehen Wahlmodelle zwischen acht- und neunjährigem Bildungsgang aus?

Im Saarland gibt es eine Wahlmöglichkeit zwischen Gymnasien mit achtjährigem Bildungsgang und anderen Schulformen mit überwiegend neunjährigem Bildungsgang. In anderen Bundesländern stehen achtjährige Gymnasien neben neunjährigen oder es existieren beide Bildungsgänge an einem Gymnasium. Dies ist meistens in verschiedenen Formen der Wahlmöglichkeiten organisiert, z.B. mit einer Entscheidung bei der Einschulung oder einer Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt („Y-Modell“).

 

Was sagt der Saarländische Philologenverband?

  • Die Gymnasien im Saarland sollen weiterhin auf eine fundierte, grundständige gymnasiale Bildung setzen. Das Abitur am Gymnasium muss mehr bleiben als nur eine Studienberechtigung.
  • Der Philologenverband fordert ein potenzialorientiertes Unterrichts- und Förderprogramm für die Gymnasien, das die Schüler an ihren Begabungen und Interessen packt und sie auf dem Weg zur allgemeinen Studierfähigkeit mitreißt
  • Der Philologenverband fordert optimale Arbeitsbedingungen für Schüler und Lehrer an Gymnasien, die Leistung fördern, fordern und belohnen. Eine verantwortungsbewusste Schulpolitik muss die Vielfalt gymnasialer Bildung herausarbeiten statt einfältige Strukturdebatten zu führen.
  • Berechtigte Sorgen und Wünsche ernst zu nehmen, ist richtig. Scheindiskussionen zu führen, ist falsch und verantwortungslos. Eine Rolle rückwärts in die gute alte Halbtagsschule mit Samstagsunterricht will niemand – und wird es auch keinesfalls geben.
    Die wirklich wichtigen Fragen an das Bildungssystem im Saarland lauten:
    • Wie werden wir in Zukunft weiterhin auch den begabten und interessierten Schülern gerecht?
    • Wie schaffen wir es, die Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte – insbesondere die viel zu hohe Unterrichtsverpflichtung und die völlig unzureichende Gesundheitsvorsorge – wirksam zu verbessern?
    • In welchem Umfang können weiterhin gesellschafts- und sozialpolitische Aufgaben den Schulen auferlegt werden?
    • Welche Konsequenzen sind im Bildungssystem aus dem Problem der Überakademisierung und den gravierenden Problemen bei der Rekrutierung von Fachkräften zu ziehen?
    • Welche Konsequenzen ergeben sich aus den veränderten Rahmenbedingungen für die Arbeitsteilung von Elternhaus, Schule und außerschulischen Angeboten für Jugendliche?